Québec

Montreal Pride C Tobias Sauer
Montreal Pride C Tobias Sauer
Eastern Townships C Tobias Sauer
Montreal C Tobias Sauer
Montreal C Tobias Sauer
Montreal C Tobias Sauer
Quebec C Tobias Sauer
Quebec C Tobias Sauer

Kaum etwas macht Québec so sympathisch wie der Sprachmix aus Französisch und Englisch, der einem überall begegnet. „Unsere Adresse ist Chemin Moe’s River“, schreibt François, der Besitzer des Restaurants Le Bocage (1) in einer E-Mail, die man auf keinen Fall den Sprachpuristen der Académie Française zeigen sollte. Der Weg zu François führt mitten in die sanfte Hügellandschaft der Eastern Townships, einer Reihe von Kleinstädten rund zwei Stunden östlich von Montréal. Die allgegenwärtige Sprachmischung ist ein Erbe der langwierigen Auseinandersetzungen zwischen etwas dickköpfigen, Französisch sprechenden Québécois und dem überwiegend britisch geprägten Rest Kanadas. Letztlich sicherte sich Québec eine weitgehende Autonomie: Statt Moe’s River „Road“ sagt man „Chemin“. Und vielleicht ist diese Eigenwilligkeit auch der Grund dafür, dass Québec zur Heimat vieler Individualisten wurde.

Die Eastern Townships sind geprägt von Wald, immer wieder unterbrochen von Weiden und Wiesen, und durch kleine Dörfer, die sich gern an Flüsse und Bäche schmiegen. Hier, auf halbem Wege zwischen Montréal und der Provinzhauptstadt Ville de Québec, hat François eine 1825 gebaute Villa gekauft. Seit 17 Jahren betreibt er darin ein Bed and Breakfast mit Zimmern voller Schnickschnack, der einerseits rustikal das Alter des Hauses betont – geblümte Tapeten inklusive – und es andererseits ironisch bricht, wenn etwa zur Dekoration ein antiker Stuhl verkehrt herum von der Decke baumelt. Im hauseigenen Restaurant, das auch ohne Übernachtung besucht werden kann, steht François, der eigentlich Koch ist, selbst am Herd. „Schon seit den 1980ern gibt es hier in der Gegend eine Bewegung, die Wert legt auf regionale Produkte und bewusstes Essen“, sagt er. Eine Tradition, der François folgt, wenn auch ohne Dogmatismus. „Wir versuchen, so viele regionale Produkte wie möglich zu verwenden und kooperieren dazu mit Anbietern aus der Region. Aber wir wollen uns die Flexibilität bewahren, auch nicht-regionale Produkte anzubieten.“ Das Ergebnis ist hausgemachte, inspirierte Küche auf höchstem Niveau: Etwa wilde Pilze aus der Region kombiniert mit einer milden Curry-Sauce oder Rote Beete mit rosa Pfefferkörnern und Butternut-Kürbis verfeinert durch einen Akzent von Ahornsirup. „Ich lasse mich täglich inspirieren, sehe irgendwo ein Rezept und entwickele es weiter“, erklärt François.

François fühlt sich wohl auf dem Land, auch dank der toleranten kanadischen Gesellschaft. Hier als Schwuler zu leben sei kein Problem, berichtet er. Tatsächlich ist Kanada – und innerhalb Kanadas besonders Québec – einer der fortschrittlichsten und tolerantesten Staaten der Welt. „Québec war immer führend in Bezug auf LGBT-Rechte“, sagt Homo-Aktivist Olivier Poulin, der in Québec-Stadt bis 2014 den CSD (2) organisiert hat. „Ein Anti-Diskriminierungsgesetz wurde schon 1977 verabschiedet, was im internationalen Vergleich sehr früh war.“ Schwerpunkt der organisierten Szene mit ihren Partys, Bars und Clubs, ist neben Québec-Stadt vor allem Montréal (3).

Aber auch in der Provinz kann man die Angst vor Diskriminierung im Alltag vergessen und stattdessen lieber die sanfte Landschaft der Eastern Townships genießen, etwa in den Ortschaften North Hatley und Magog, die sich an unregelmäßig geformte, von bewaldeten Hügeln umgebene Seen schmiegen. Oder man fährt nach Baie-Saint-Paul, rund 350 Kilometer nordöstlich am Sankt-Lorenz-Strom. Hier haben Nonkonformisten ein kleines Utopia geschaffen. Das Künstlerstädtchen mit knapp 8.000 Einwohnern leistet sich sogar ein eigenes Museum für moderne Kunst (4), in dem Direktor Jacques Saint-Gelais-Tremblay schon mal eine Andy-Warhol-Ausstellung organisiert. Und in der Hauptstraße Rue Saint-Anne reihen sich Galerien und Ateliers aneinander, dazwischen werden in den kleinen, niedrigen Häusern Cafés und Restaurants betrieben. Viele sind von Schwulen und Lesben geführt.

Auch David ist ganz bewusst in die kanadische Provinz gezogen. Der 30-Jährige stammt eigentlich aus Philadelphia, sehnte sich aber nach einer offeneren und freieren Atmosphäre, als er sie aus seiner Heimat kannte – und fand sie in Québec. Gemeinsam mit seinem kanadischen Freund suchte er nach einem Ort, wo sie sich zusammen wohlfühlen würden. Vor fünf Jahren eröffneten sie in Baie-Saint-Paul deshalb ein Bed and Breakfast (5) – und verzichten seither auf scheinbar unerlässlichen, aber oft vor allem stressigen zivilisatorischen Luxus. Nur zum Kontakt mit seinen Gästen nutzt David das Internet, sein Telefon hängt am Festnetz. Dafür kennt er die Gegend wie seine Westentasche und kann Strände und wildromantische Bergbäche empfehlen.

Fast alle Gäste fahren von Baie-Saint-Paul aus weiter Richtung Nordosten Richtung Tadoussac, einem trubeligen Ausgangspunkt für Walbeobachtungen. Früh am Morgen ist es in dem Ort noch ganz still. Der Nebel liegt über der Bucht und dem kleinen Hafen, das Land wird aber schon von der Sonne gewärmt. Die weißen Häuser mit ihren leuchtend roten Dächern liegen im Licht. An einer kleinen Kapelle auf einer Anhöhe vor dem Hafen zieht der Nebel in dichten Schwaden vorbei und hinterlässt ein feuchtes Gefühl auf dem Gesicht.

Vor der Stadt mischt sich das Süßwasser des Sankt-Lorenz-Stroms und des hier mündenden Flusses Saguenay mit dem salzigen Meerwasser des Atlantiks. Für Krill, die Hauptnahrungsquelle der Wale, sind das perfekte Lebensbedingungen – so perfekt, dass die normalerweise wandernden Weißwale ihre rastlose Reise von Jagdgrund zu Jagdgrund aufgegeben haben und auf die normalen Verhaltensweisen ihrer Spezies pfeifen – sie bleiben das ganze Jahr über hier, Nonkonformisten auch sie.

Und ganz ehrlich: Wer vor der kleinen Kapelle sitzt, Nebel und Sonne gleichzeitig auf der Nase spürt, anschließend zu hervorragendem Slow Food einkehrt und den sympathischen Mix aus Französisch und Englisch hört – wer wollte dann nicht auch einfach bleiben?

Dieser Text ist Erschienen im Spartacus Traveler 2/2015, den du als Print-Heft oder auf dem Tablet lesen kannst.

Termine:
Montréal feiert den Pride 2016 vom 8. bis zum 14. August, Québec vom 1. bis zum 4. September.

Links:
(1) www.lebocage.qc.ca/en/
(2) www.arcencielquebec.ca/
(3) www.fiertemontrealpride.com/
(4) www.macbsp.com/
(5) www.giteterreciel.com/fr/

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